Was ist los im Staate Dänemark?

Ein Glasmuseum in Ebeltoft
Die Initiative ging von Finn Lynggaard (1930 – 2011) aus. Ursprünglich Keramiker, hat er sich in Toronto 1971 für das Glas begeistert und wollte daraufhin Ebeltoft zu einem Zentrum der überall auf der Welt entstehenden Studioglasszenen machen – ein Netzwerk aufbauen. Seit den ersten Tagen gehört zum Museum auch ein Studioofen, den Künstler vorübergehend mieten können – und die Museumsbesucher machen mit!
Die Ausstellung wird laufend aktualisiert
Es war Lynggaards Idee, dass die Künstler selbst entscheiden, welche Stücke ausgestellt werden und selbst regelmäßig ihre Exponate in der Ausstellung gegen neue austauschen. Seine Vorstellung war weniger ein der Geschichte verpflichtetes Museum als ein lebendiges Zentrum für zeitgenössische Glaskunst und ihre sich ständig ändernden Strömungen.

Finanzen
Das Museum beruht auf einer Stiftung. Bis heute lebt das Museum vom privaten Interesse der ‚Friend‘s Society‘, die das Museum nicht nur finanziell sondern auch über engagierte Dienstleistungen ständig in Bewegung und am Leben hält.

Ausstellung „DG15 – 40 years of contemporary glass in Denmark“
An der Ausstellung in Ebeltoft sind 53 Künstler mit über 100 Exponaten beteiligt. Die Ausstellung gliedert sich in zwei Bereiche: Es gibt einen historischen Teil, den der Glaskünstler Torben Jørgensen (*1945) kuratiert hat. Der zweite Teil der Ausstellung ist der gegenwärtigen Kunst gewidmet und wurde von Jutta–Annette Page (Toledo Museum of Art, USA), den Künstlern Tobias Møhl (*1970) und Stine Bidstrup (*1982) sowie von Dan Molgaard (Glasmuseum Ebeltoft) kuratiert. 19 Künstler stellen im Folgenden ihre Arbeit selbst vor.

Frivolität und spöttische Kritik
Tillie Burden (*1982) betitelt ihre kahle Baumstumpflandschaft ironisch als „Forest“ und erklärt: „Ich finde manchmal Frivoles und Verrücktes in meinen Objekten. Damit schaffe ich ein Gegengewicht zu der angestrengten Hingabe, die das Glasmachen erfordert.“

Kontraste: Organische und geometrische Formen
Lene Bodker (*1958) arbeitet mit abstrakten Formen, die Spannungen erzeugen. „Meine Arbeiten stehen im Spannungsfeld von Leichtigkeit und Gewicht, Gegenständlichkeit und Transparenz, Licht und Schatten, Zerbrechlichkeit und Härte. Ich schaffe Körper der Ruhe. Die sollen überzeugen und Grenzerfahrungen möglich machen.“

Kawaii – Japanische Niedlichkeitsästhetik
Ned Cantrell (*1975) nähert sich mit seinen vermeintlich kitschigen rosa Schweinchen (siehe Titelbild dieser Ausgabe) der japanischen Idee des `kawaii`, dem Verlangen unschuldige Naivität und putzige Kindlichkeit darzustellen. Cantrell selbst beruft sich aber eher auf die Popkunst Andy Warhols.

Sind es Gewohnheiten oder für welche Wahrheit entscheiden wir uns?
Maria Bang Espersen (*1981) verbindet in ihrer Performance die Arbeit am Ofen mit einer Videoinstallation: „Wahrheiten sind ambivalent und paradox. Meine Arbeit besteht darin, andere als die gewohnten Wahrheiten anzubieten.“

Eine phantastische Wunderkammer
Steffen Dams (*1961) bizarre Objekte sind inspiriert vom Mikrokosmos der Zellen und bleiben doch geheimnisvoll: „Meine Schaugläser enthalten keine Nachbildungen von Meerestieren oder -Pflanzen. Sie sehen so aus, sind aber aus einer anderen Welt.“

Enthusiasmus und Neugier
Torben Jørgensen (*1945) ist davon überzeugt, dass ein Künstler das Glas erst im Spiel kennenlernt: “Probiers aus und sieh das Glas als deinen Partner, der einen eigenen Willen hat.“

Zeit und Transformation
Pipaluk Lake (*1962) nennt Ihre abenteuerlichen Schmelzprozesse: „Discovering the potential of glass.“ Ihre großformatigen Installationen zeigen das Glas in all seinen Qualitäten – hart und scharfkantig oder weich und gerundet.

Philosophische Fragen
Per–René Larsen (*1949) will die Welt verstehen: „Gefühle werden greifbar und was greifbar ist, wird emotionell wahrgenommen.“ Seine Installation im Garten erkundet die Wechselwirkung von Glaslinsen in der Natur.

Praktische Gefäße
Sia Mai (*1965) antwortet auf unsere modernen Lebens– und Essgewohnheiten. „Urbane Nomaden von heute mit Sinn für Stil werden viel Freude daran haben.“ Schreibt die Galeristin Schnuppe von Gwinner in einem Werbetext.

Die Schönheit der Merlettotechnik
Tobias Møhl (*1970) ist schon seit 1996 von venezianischen Fadenglastechniken fasziniert. Er variiert sie mit hingebungsvoller Virtuosität und schwereloser Perfektion in zeitlos schlichten Gefäßen.

Rhythmus und Dynamik
Karin Mørch (*1977) will die Bewegung in die Form übertragen. Sie sagt: “Klangwellen und Schwingungen umgeben uns täglich und von allen Seiten, egal ob wir sie wahrnehmen oder nicht.“

Vanitas
Karen Nyholm (*1976) thematisiert eines der bedeutendsten Motive des Barock, die Vergänglichkeit. „Ich transformiere vergängliche Natur, indem ich sie fröhlich und naiv imitiere. Naturphänomene und ihre Stimmungen inspirieren mich.“ Ähnlich wie im 17. Jahrhundert schwelgt ihre Kunst zuweilen launig im ‚memento mori.‘

Sinnliche Oberflächen
Line Gottfred Petersen (*1974) stellt fest: “Mir geht es vor allem um die Oberflächen, die ich schneide und sandstrahle auf der Suche nach neuen Texturen.“

Aus dem 3D–Drucker
Marie Retpen (*1978) baut die Model zunächst in Keramikmasse computergesteuert nach ihren vorgegebenen Maßen auf, um sie zum Einblasen am Ofen zu nutzen. So kann Retpen den typisch geschichteten 3D–Print–Stil für das Glas einsetzen.

Graphisch und expressiv
Pia Rakel Sverrisdóttir (*1953) scheint die prähistorische Höhlenmalerei auf die Eisberge Islands übertragen zu haben. „Island mit seiner wilden Landschaft ist in all meinen Arbeiten präsent. Dazu kommen persönliche Erinnerungen und archetypische sowie mythologische Symbole.

Lichtinstallationen, wie ein transparentes Feuerwerk
Steffen Tast (*1951) baut aus winzigen Stücken von Glas und Metall große schwebende Skulpturen. Sie verändern ständig ihre Form und ihr Aussehen. Fragil und poetisch, schaffen sie in ihrer Umgebung eine magisch glitzernde Atmosphäre.

Inspiration aus dem Schlachthaus
Lotte Thorsøe (*1964) ging ins Schlachthaus und fand dort die Bilder unserer letzten Verwundbarkeit, unserer Endlichkeit. Im Tod ist der Körper nur noch Materie. “Der Anblick von großen Tieren, Fleisch, Haut, Eingeweiden und Knochen war eine unliebsame Erfahrung. Bei aller Brutalität sah ich auch viel Respekt und sogar Schönheit.“

Neues Sehen
Tora Urup (*1960) nimmt sogar die archaische Gestalt des Gefäßes zum Anlass, Fragen zu stellen: „Durch eine gezielte Hinzufügung von Farbglas entsteht eine Augentäuschung, so als ob das Innere der Glasschale losgelöst von der äußeren Begrenzung existierte.“

Japan und das Wabi–sabi
Eng mit dem Zen–Buddhismus verbunden erklärt Ida Wieth–Knudsen (*1983): “Die japanische Ästhetik des 'wabi-sabi' inspiriert mich, die Suche nach Schönheit im Unvollkommenen und nach Bescheidenheit.“ Wabi–sabi bedeutet: Allem was authentisch ist, folgen drei Wahrheiten: nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt.

Alles ist da
Die Künstler bringen ihre vielfältigen Erfahrungen ein, die sie in anderen künstlerischen Zusammenhängen gemacht haben. So verbindet die Ausstellung Skulptur und Installation, Experimentelles und Traditionelles, Licht und Dunkelheit, Technologie und Performance sowie auch abstrakte Konzeptkunst und sinnliche Wahrnehmung.

Final: Eine Ausstellung zwischen Kunsthandwerk, Design und Kunst
Pia Strandbygaard Bittner, eine der Kuratorinnen des Museums stellt fest, dass das Glas in Dänemark einerseits von den archaischen Formen funktionaler Gefäße bestimmt ist und dass andererseits die künstlerische Freiheit viel Raum einnimmt.

Die Kreativität der Glasstudios
Während die großen Glaswerke in Dänemark und Skandinavien in den letzten Jahrzehnten an ausländische Investoren verkauft wurden und die Produktion kommerzialisieren oder gar einstellen, sind es die vielen kleinen Künstlerhütten, die im Land aufblühen. Sie bieten beste Qualität, Schönheit und Langlebigkeit. Quer durch die dänische Bevölkerung hat gutes Kunsthandwerk und schönes Design einen hohen Stellenwert. Man hat Respekt und nimmt Anteil für die Zeit, Geduld und Meisterschaft, die notwendig ist. – Die klimatischen Bedingungen sind wohl ein Grund für den hohen Stellenwert von Wohnkultur. Wer sich sogar im Sommer nicht auf die Sonne verlassen kann, hat es zu Hause gern schön und gemütlich, ‚hyggelig‘ eben!

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Kommentare: 1
  • #1

    Helena Horn (Donnerstag, 02 Juli 2015 15:59)

    I wonder, why nobody sends commentaries!?
    best wishes, Helena